Gute Opfer, schlechte Opfer

Ein Podcast der Nachdenkseiten.de von Jens Berger

Anscheinend müssen erst die Taliban in Kabul einmarschieren, bis die deutschen Medien merken, dass der Krieg in Afghanistan Opfer fordert.

Schaute man sich gestern die Nachrichten an, bekam man gar den Eindruck, dass „unsere“ Sorge für die durch die Taliban bedrohten Zivilisten sich proportional zum Versagen unserer Politik beim Schutz ebenjener Menschen und der damit verbundenen Wahrscheinlichkeit, dass sie nie Afghanistan verlassen werden, verhält. Und Opfer … das sind für unsere selbstgerechten Kommentatoren und Leitartikler offenbar ohnehin nur diejenigen, die von den Taliban bedroht werden oder bereits von ihnen massakriert wurden. Von den Opfern des Westens und der mit „uns“ verbündeten Warlords ist nicht die Rede. Wir sind die Guten! Ein Kommentar von Jens Berger.

Ja, für viele Afghanen ist die Machtübernahme der Taliban nicht nur fürchterlich, sondern sogar eine Gefahr für Leib und Leben.

Ja, Deutschland hat die gottverdammte Verantwortung für die sogenannten „Ortskräfte“, also die Afghanen, die für die Bundeswehr, die deutsche Botschaft und die zahlreichen deutschen Hilfsorganisationen tätig waren.

Und ja, bei diesem zentralen Teil des lange geplanten Abzugs aus Afghanistan hat die deutsche Politik in einem epischen Maß versagt, so dass ein Rücktritt der Verantwortlichen geboten wäre, wie es unser Herausgeber Albrecht Müller am Montag forderte.

 

Diese Debatte findet jedoch nicht ehrlich statt.

Oh ja, man macht sich in der Öffentlichkeit geradezu rührend Sorgen um die Ortskräfte und malt die Bedrohung der Zivilbevölkerung durch die Taliban in schillernden Farben. Wahrscheinlich zu Recht. Unsere Wahrnehmung wird jedoch sicherlich auch dadurch geschärft, dass durch die Taliban vor allem diejenigen Afghanen bedroht sind, die unserer Vorstellung eines „guten“ Afghanistans entsprechen – junge Menschen mit westlicher Einstellung, unverschleiert, progressiv und modern. Mit diesen Opfern kann man sich offenbar identifizieren.

Konnten sich die Zuschauer der Tagesschau mit den paschtunischen Kleinbauern identifizieren, die im September 2009 auf den Befehl eines Bundeswehr-Offiziers hin in einem Flussbett südlich von Kundus bombardiert wurden und in Flammen aufgingen? 134 Tote, darunter viele Kinder und Jugendliche. So ist halt der Krieg, hieß es damals – obgleich man zu diesem Zeitpunkt offiziell ja noch von einer „Stabilisierungsmission“ sprach und sich bis heute nicht als Besatzer, sondern als Befreier sieht.

Da war es dann wohl auch folgerichtig, dass die Hinterbliebenen der Opfer mit 5.000 US$ abgespeist wurden. Das ist der Preis für ein afghanisches Leben. Der befehlsgebende Oberst wurde mittlerweile in den Generalstand erhoben und leitet nun das Einsatzkommando auf der Hardthöhe. Unser Mitleid mit seinen Opfern hält sich derweil in Grenzen. Schließlich waren dies ja auch „unsere“ Opfer und damit „schlechte“ Opfer. Wäre Oberst Klein ein Taliban gewesen und die Opfer westlich geprägte Angehörige der Kabuler Eliten und nicht paschtunische Kleinbauern, sähe die Sache anders aus. Dann wären es ja schließlich auch „gute“ Opfer gewesen und die Krokodilstränen flössen in Strömen.

Ähnlich verhält es sich mit den abertausenden Opfern der Amerikaner. Hochzeitsgesellschaften, die von Kampfdrohnen massakriert wurden, Kleinbauern, die man für Taliban hielt und aus Kampfhubschraubern unter Beschuss nahm, Jugendliche, Kinder, Frauen – aber zum Glück wenigstens vor allem verschleierte. Kriegsverbrechen der Amerikaner und ihrer Verbündeter? Kein Thema. Wir sind ja die Guten und die Taliban die Bösen. Und unsere Großartigkeit und Integrität strahlte natürlich auch auf unsere afghanischen Verbündeten aus, wie den Warlord und späteren Vizepräsidenten Abdul Raschid Dostum – ein Kriegsverbrecher und Schlächter; aber eben „unser“ Kriegsverbrecher und Schlächter und somit einer der „Guten“. Er ließ zwar 3.000 Kriegsgefangene der Taliban elendig krepieren, aber dafür durften in seinem Distrikt Frauen unverschleiert zur Universität. So sammelt man beim Wertewesten Pluspunkte. Lessons learned, wie unsere guten Verbündeten sagen würden.

Aber das ist ja nun vorbei. War Afghanistan bis vor kurzem nach Ansicht der deutschen Politik noch ein „größtenteils sicheres“ Land, in das man abgelehnte Asylsuchende abschieben konnte, ist es nun, da nicht mehr die USA und ihre Warlords, sondern die Taliban die Menschen abknallen, die Hölle auf Erden. Hier ist jedoch Vorsicht geboten. Denn je düsterer man die Situation in Afghanistan malt, desto schwieriger wird es, sich nun die kommenden Flüchtlinge vom Hals zu halten. Ja, die paar Hundert „Ortskräfte“ gehen ok. Aber mehr sollen es dann bitteschön doch auch nicht sein. Und wenn dann nur Frauen! Da sind sich dann sogar Alice Schwarzer und Armin Laschet einig. Sollen die Männer doch verrecken! Wir müssen schließlich ein zweites 2015 verhindern und kurz vor den Wahlen wäre es ja Munition für die AfD, wenn man Männern den gleichen Schutz vor politischer Verfolgung und Tod gewähren würde wie Frauen. Dafür haben sie sicherlich Verständnis. Wir sind schließlich die Guten.

Doch so langsam wird es immer schwerer, bei diesem zynischen Spiel noch die Orientierung zu bewahren. Shuttle-Flüge mit weiblichen afghanischen Kriegsflüchtlingen sind also gut, während Shuttle-Flüge mit irakischen Kriegsflüchtlingen beider Geschlechts ein „sehr aggressiver Akt“ sind; zumindest dann, wenn sie nicht unsere gute Bundeswehr, sondern das böse „Lukaschenko-Regime“ durchführt. Dies sei „eine beispiellose Provokation“ so die EU-Innenkommissarin.

Ein Glück, dass wir noch Verbündete haben, die genauso gut sind wie wir. Um die Flüchtlinge vor den Türen Litauens erfolgreich abzuwehren, spendierte die Ukraine dem baltischen Staat in einer „humanitären Geste“ (sic!) erst mal 38 Tonnen Stacheldraht. Da hat wer verstanden, wie der Wertewesten funktioniert. Prima! Vielleicht lernen die Taliban das ja auch noch. Dann könnten aus ihren „guten“ ja bald auch „schlechte“ Opfer werden und unsere Nachrichten werden ohnehin schon bald die nächste Sau durchs Dorf treiben. Was bis dahin aus unseren Ortskräften geworden ist? Uninteressant, so ist halt der Krieg.

PS: Wenn Sie diesen Kommentar zynisch und menschenverachtend finden, haben Sie recht.

Er soll zum Denken anregen.

Und ganz ehrlich – je mehr Bigotterie mir jeden Abend aus den Nachrichten entgegengeschleudert wird, desto mehr verfalle ich bei diesem Thema dem Zynismus. Vielleicht ist das ja auch eine Art Selbstschutz.

Quelle: Nachdenkseiten.de – Jens Berger

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